Verschwinden
Gewissheit darüber, ob ein Haus bewohnt oder unbewohnt ist, ob der Pflanzenwuchs
gewollter oder ungewollter Art ist, ob die Rasenflächen ehemals Hausgrundstücke
waren oder etwas Anderes, stellt sich nicht ein. Der vom Menschen geschaffene
Raum verändert sich, sobald er ihn verlassen hat. Die vorhandene Natur
wächst weiter, ihren eigenen Regeln nach. Neue und ungewohnte Ansichten
entstehen. Von einem Tag auf den Anderen verschwinden Häuser, wodurch
die Orientierung innerhalb des Ortes diffus, und bekannte Wege fremdartig
erscheinen. Durch den langsamen, jedoch kontinuierlichen Prozess des Entfernens,
zeigt sich eine ständig wechselnde Szenerie mit immer neuen Durchblicken.
Zuletzt wirken die im Abendlicht vereinzelt freistehenden Häuser beinahe
romantisch. Die Straßen, mit ihren nun gigantisch wirkenden Laternen,
schlängeln sich durch die frischen, jungen Wiesen. Erst in der Zusammenschau
aller Bilder wird das leise Verschwinden, das Abräumen eines Ortes sichtbar.
Otzenrath - Ein Dorf verschwindet
Die über 800 Jahre alte Ortschaft Otzenrath gehörte der Gemeinde
Jüchen im Kreis Neuss in NRW an. Geografisch betrachtet lag das Dorf
zwischen den Städten Mönchengladbach, Düsseldorf, Köln
und Aachen. Gleichzeitig befand es sich am östlichen Rand des Braunkohletagebaugebietes
Garzweiler II und musste aus diesem Grund von der Landkarte verschwinden.
Der Tagebau Garzweiler II, der eine Erweiterung des Tagebaus Garzweiler I
darstellt, wurde im Juni 2006 in Betrieb genommen. Die RWE Power AG schätzt
in maximal 210 Metern Tiefe 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle. Diese sollen
bis 2044 abgebaut werden und der Stromerzeugung dienen. Trotz vehementen Widerstands
der betroffenen Bürger der Region, wurde die Erweiterung des Tagebaus
genehmigt. Von der Umsiedlung betroffen waren und sind neben Otzenrath elf
weitere Dörfer: Spenrath, Holz, Pesch, Lützerath, Immerath, Borschemisch,
Berverath, Holzweiler, Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich und Unterwestrich.
Insgesamt müssen circa 7600 Menschen ein neues Zuhause finden.
Aus Otzenrath (alt) siedelten zwischen 1999-2006 ca. 1600 Menschen ins nordöstlich
von Hochneukirch gelegene Otzenrath (neu) um. Der alte Ort verwandelte sich
mehr und mehr in ein menschenleeres Geisterdorf. Eine Infrastruktur war ab
einer bestimmten Einwohnerzahl nicht mehr aufrechtzuerhalten. Kontinuierlich
wurden die leerstehenden Gebäude des Dorfes eingeebnet. Einzelne freigegebene
Häuser in unterschiedlichen Straßen wurden ebenso abgerissen, wie
zusammenhängende Siedlungsblöcke. So verschwanden in kurzen Zeitabständen
die verschiedenartigsten Häuser. Der Eindruck eines Dorfes blieb jedoch
noch lange erhalten, allerdings erschien der Ort auf gewisse Weise sonderbar.
Der Ortskern um die beiden Kirchen herum stand bis 2007 fast unberührt.
Die durch den Abriss der Häuser entstandenen Gruben wurden umgehend mit
Erde gefüllt und auf ihnen maschinell Rasen gesät. So waren die
entfernten Gebäude kaum mehr vorstellbar, und die neu entstandenen Rasenflächen
fungierten als Mantel des Vergessens.
Den Bewohnern zahlte die RWE Power AG eine Entschädigung gemäß
des geschätzten Wertes ihrer Grundstücke und Häuser. Seit 2006
war Otzenrath nahezu unbewohnt. Oftmals wurden Fenster und Türen vernagelt,
um die Gebäude vor Vandalismus und Plünderung von noch verwertbaren
Materialien zu schützen. Ein Sicherheitsdienst wurde zur Überwachung
und zum Schutz des neuen Eigentums des Energiekonzerns beauftragt.
Der von vielen ehemaligen Bewohnern empfundene Verlust ihrer Heimat konnte
jedoch mit Geld nicht aufgewogen werden. Orte der Vergangenheit und der eigenen
Geschichte aufzusuchen, wird durch die endgültige Zerstörung des
Dorfes unmöglich werden.
In weiten Teilen Otzenraths sah man zuletzt nur noch die Gärten und Bäume
der ehemaligen Grundstücke, die sich zu einer beinahe unschuldig wirkenden,
parkähnlichen Landschaft verbanden. Nach und nach wurden die Bäume
gefällt, aus deren zerkleinerten Stücken hügelartige Gebilde
aufgeschüttet wurden, die sich über die Wiesen verteilten. Die Parklandschaft
wurde zur verwüsteten Fläche. Zuletzt schlängelten sich zwischen
den Wiesen nur noch verstaubte Straßen, gesäumt von den vielen,
nun auffallend hoch wirkenden Laternen.
Ab 2045 soll die entstandene Grube vertragsgemäß rekultiviert werden.
Aktuell ist geplant, das Restloch des westlichen Teils des Tagebaus in einen
See umzugestalten. Dazu müssen von 2045 - 2085 ungefähr 60 Millionen
Kubikmeter Wasser pro Jahr aus dem Rhein in das Loch geleitet werden. Der
entstehende See würde bei einer Fläche von 23 km2 max. 185m tief
sein. Im Gespräch ist auch eine völlig andere Lösung: der Bau
eines Großflughafens auf dem zugeschütteten Gelände.
Wie die Grube letztlich rekultiviert werden wird, und wie sich die neuen Ortschaften
entwickeln werden, wird sich erst in vielen Jahren zeigen. Ebenso, wie viele
Erinnerungen an das alte Otzenrath bleiben werden.
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